Der schwere Weg zurück in den Beruf

Sarah Boost Arbeitsmarkt, Gesundheit, Integration, Menschen, Mittelstand

Hildburghausen/Sonneberg – Es ist ein Schicksal, das man niemandem wünscht und das doch häufiger eintritt, als man meint: ca. 500.000 Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr an Krebs, 36 Prozent davon stehen zum Zeitpunkt der Erkrankung noch mitten im Berufsleben.

Während sich der Fokus der Erkrankten naturgemäß rund um den Kampf mit der tückischen Krankheit dreht, stehen für die Arbeitgeber, Fragen der Personalplanung im Vordergrund: Wann kann ich wieder mit dem Mitarbeiter rechnen? Wie kann ich die Zeit des Ausfalls überbrücken ohne dass der Betrieb leidet? Wie belastbar ist der Mitarbeiter nach seiner Rückkehr und wie kann man die Wiedereingliederung für beide Seiten erfolgversprechend gestalten?

Diese und weitere Fragen, auch zur betrieblichen Wiedereingliederung, diskutierte der Südthüringer Bundestagsabgeordnete Mark Hauptmann (CDU) im Rahmen zweier Termine mit Vertretern der Initiative oncology@work.

Ziel der Initiative ist es, den Austausch zu den Themenschwerpunkten Krebsprävention, Rehabilitation und betriebliche Wiedereingliederung von Krebspatienten anzustoßen und so auch das Bewusstsein der Arbeitgeber für Bedürfnisse von Krebspatienten für einen erfolgreichen „Return to Work“ zu schärfen. Diesen wünschen sich die Betroffenen nach überwundener Erkrankung oft selbst. Denn für viele Menschen ist ihr berufliches ‚Ich‘ Teil der Selbstidentifikation und das Gefühl, gebraucht zu werden, gerade nach der Genesung wichtig.

Dennoch ist der Weg zurück ins Berufsleben kein leichter. Neben einem höchst individuellen und krebsartspezifischen Weg zur Genesung, unterschiedlichen Therapieformen und daher auch unklaren Zeitschiene, bleibt manchen Arbeitnehmern beispielsweise die Wiederaufnahme körperlicher Tätigkeiten auch nach der Genesung verwehrt.

Da im ländlich geprägten Raum Südthüringens die großen Krankenhäuser vielerorts die größten Arbeitgeber sind, besuchte die Delegation um Hauptmann das Regiomed Klinikum in Sonneberg. Michael Musick, Mitglied der Geschäftsführung des Klinikverbunds, sieht Problemstellungen insbesondere in der Kommunikation zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. „Nur wenn der Mitarbeiter seinen Arbeitgeber über die Diagnose und den weiteren Verlauf informiert, kann dieser angemessen reagieren. Dazu ist der Mitarbeiter allerdings nicht verpflichtet und viele scheuen sich auch, derart offen mit der Diagnose umzugehen“, erläutert er.

Dr. Gerd Kräh, Manager Government Affairs beim Pharmaunternehmen Lilly Deutschland, stimmte zu. Er ist im Rahmen der Initiative oncology@work bei vielen Arbeitgebern zu Gast, darunter auch namhafte Großunternehmen wie beispielsweise BASF, und hört diesen Punkt nicht zum ersten Mal. „Wichtig ist, die Kommunikation aufrecht zu erhalten“, bekräftigt er. Ein stabiles Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sei dafür eine wichtige Basis.

Michael Musick brachte die Idee einer Vertrauensperson im Unternehmen, eines speziell geschulten Mitarbeiters, ins Spiel. Dies könnte seiner Ansicht nach ein Schlüssel zum Umgang mit erkrankten Mitarbeitern sein, wenngleich dies als Vollzeitstelle für die mittelständischen Südthüringer Unternehmen kaum möglich sein wird. Vielmehr könnte es sich um eine zusätzliche Funktion ähnlich einem Arbeitsschutz- oder Datenschutzbeauftragten handeln.

Den Ansatz begrüßt auch die standortverantwortliche Personalreferentin Anke-Sabine Schramm: „Alle Krankheiten sollten vom Arbeitgeber gleich behandelt werden, ob Kurz- oder Langzeit. Aber gerade Langzeiterkrankte haben große Probleme mit der Bürokratie, mit dem Arbeitsamt, der Kranken- und Rentenversicherung und natürlich auch viele persönliche Sorgen“, schloss sie an.

Der Schwerbeschädigtenvertreter des Klinikverbundes, Michael Jakob, erklärte, dass an den Strukturen grundsätzlich etwas geändert werden müsse, ohne Doppelstrukturen aufzubauen.

Eine Vertrauensperson könnte beispielsweise virtuell tätig werden und somit auch während der Erkrankung den Kontakt zu betroffenen Mitarbeitern aufrechterhalten, führt Michael Musick weiter aus. Überhaupt sieht er im Bereich der telemedizinischen Angebote noch Nachholbedarf. „Die Digitalisierung ist im Gesundheitswesen noch nicht so ausgeprägt, aber Jens Spahn treibt das stark voran. Estland ist hier Vorreiter in der EU und könnte auch für Deutschland ein Vorbild sein“, so Mark Hauptmann. Als Beispiel nannte er die digitale Patientenakte.

Im Resümee stellte Dr. Kräh fest, dass die bestehenden Informationen und Angebote, die es für Erkrankte gibt, erst einmal zusammengefasst werden müssen und hier sei auch, zusammenzuführen und zugänglich zu machen. Dabei sei auch die Politik gefragt. „Eine Fülle von Ansätzen und Hinweisen, die wir gern mit nach Berlin nehmen“, so Hauptmann.

In einem zweiten Termin besuchte die Delegation die Maier Präzisionstechnik GmbH in Hildburghausen. Mit derzeit 88 Mitarbeitern und 12 Auszubildenden gehört der Mittelständler zu den größeren Arbeitgebern im Landkreis. Auch hier stellte sich die Frage nach der Aufrechterhaltung des Kontakts zu Mitarbeitern während einer längerfristigen Erkrankung, doch zeigte sich auch die Stärke des Mittelstandes: Er sei oft flexibler darin, auf veränderte Gegebenheiten wie beispielsweise eine geringer körperliche Belastbarkeit zu reagieren und mögliche belastende Faktoren zu identifizieren und zu eliminieren, erklärte Geschäftsführer Thomas Braun. Zudem sei das Vertrauensverhältnis zum Mitarbeiter in kleineren Strukturen ausgeprägter,  Kommunikationswege direkter und kürzer. So sind er und Personalleiterin Anke Jäger immer direkt für Mitarbeiter ansprechbar, nicht nur im Falle einer Erkrankung. Dies ist ihnen grundsätzlich wichtig und ein fester Bestandteil der Mitarbeiterbindung. Das begrüßt auch Mark Hauptmann: „In Zeiten des Fachkräftemangels gibt es kein stärkeres Signal an die eigenen Mitarbeiter und solche, die es noch werden wollen, als wenn ein Arbeitgeber sagt und zeigt: Ich bin für dich da, auch in schlechten Zeiten.“

Bildhinweis I:

 MdB Mark Hauptmann (hinten, 3.v.r.), Michael Musick (Klinikverbund Regiomed, hinten, Mitte), Dr. Gerd Kräh (Lilly Deutschland, hinten, 2.v.r.), Fabia Koepernik (Miller & Meier Consulting GmbH, vorne links) mit Vertretern des Regiomed Klinikverbundes und des Standortes

Bildhinweis II (v.l.n.r.):

Mark Hauptmann (MdB), Dr. Gerd Kräh (Lilly Deutschland), Geschäftsführer Thomas Braun, Fabia Koepernik (Miller & Meier Consulting GmbH)